Habt ihr hier auch Internet?

Schüleraustausch in den USA. „Darf ich kurz deinen Laptop verwenden? Ich will eine E-Mail an meine Eltern schreiben“, fragt eine Wiener Schülerin in Los Angeles. „Was?“, der Gast-Bruder ist verwirrt, „ihr habt auch Internet in Österreich?“ Tatsächlich gibt es hier im Alpenland Österreich auch Internet. Seit 1990.
Manche Klischees über ein Land halten sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Allein der Name reicht, um bestimmte Vorstellungen von einem Land hervorzurufen. Wer nur zum Schifahren in die „Alpenrepublik“ kommt, hat ein anderes Bild als Städtetouristen in Wien oder Mozart-Begeisterte in Salzburg. Auf finnisch heißt Österreich „Itävalta“, was so viel bedeutet wie „östliches Reich“ oder „östliche Macht“. Durch die Bezeichnung glaubt der eine oder andere Finne womöglich, dass das Land zum Ostblock gehört hat und ist überrascht, wie modern es hier eigentlich ist. Es wird also Zeit, das stereotype Image von Österreich einmal zu überdenken.

Bitte kein Edelweiß

Stichwort modern: Ein beliebtes Klischee ist Österreich als Land der Berge. Ja, ein großer Teil liegt in den Alpen. Doch auch wenn es zahlreiche Heimatfilme vermuten lassen – nicht alle Einwohner leben in der Bergidylle. Eine der international bekanntesten Darstellungen von Österreich ist „The Sound of Music“. Spricht man einen Österreicher darauf an, trifft man in vielen Fällen auf Unverständnis. The Sound of Music? Noch nie gesehen. In den USA gibt es kaum jemanden, der das Musical rund um die Familie Trapp nicht kennt. Hierzulande ist der Film meist nur für seine Klischees über Österreich bekannt. Tatsächlich gesehen haben ihn die wenigsten. Touristen sollten also eher davon ablassen, „Edelweiß“ zu singen, um ihr Österreich-Wissen zur Schau zu stellen.

Wer sein Österreich-Bild trotzdem auf dem Musical aufbaut, wird enttäuscht sein. Denn: Nicht alle Österreicher laufen jodelnd in Dirndl und Lederhose über Almwiesen. Vor allem in den Städten ist das Hipstertum längst angekommen. Anstatt im Frühling in Lederhosen zu schlüpfen, werden die Hosenbeine bis zu den Knöcheln aufgerollt. Statt Wandern ist Yoga bei den jungen Leuten im Trend.
Badespaß in der Schination
Wintersport hat eine lange Tradition, und Schifahren ist immer noch ein beliebter Zeitvertreib. Rund ein Drittel der Österreicher ist mindestens einmal im Jahr auf der Piste. Natürlich sind wir auch stolz auf die nationalen Schifahrer, die regelmäßig Gold in diversen Disziplinen holen. Trotzdem bewegen wir uns nicht nur mit zwei Brettern an den Füßen fort. Schon gar nicht im Osten, da ist es sogar in Österreich relativ flach. Beliebter ist hier das Fahrrad.
Auch was das Klima betrifft, gibt es ab und zu Verwirrungen. In Irland verschenkt man vor einem Österreich-Urlaub beispielsweise gerne Thermounterwäsche, damit man hier nicht erfrieren muss. Das ist für den Schiurlaub vielleicht praktisch, wer in Wien wohnt, wird bei einer Durchschnittstemperatur von 10,5 Grad Celsius im Jahr allerdings ins Schwitzen kommen. Im Sommer kann es ganz schön heiß werden.
Wer sich im Juli wundert, wo alle Menschen hin verschwunden sind:
Wiener grillen dann gerne auf der Donauinsel und kühlen sich im Strandbad an der Alten Donau ab.

Schnitzel?
Lieber vegan

Bei Touristen beliebt ist auch Österreichs Kulinarik: Vertraut man dem Reiseführer, wird in Wien alles gebacken, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Die Variationen an Torten und Gebäck in den Kaffeehaus-Vitrinen scheinen grenzenlos: Von der Sachertorte über Kaiserschmarrn und Apfelstrudel ist alles dabei, was das süße Herz begehrt. Gasthaus und Heuriger bestechen dagegen mit Deftigem: Vom berühmten Wiener Schnitzel über Schweinsbraten mit Semmelknödel bis zum Schmalzbrot ist alles vorhanden. Dass nicht alle Österreicher übergewichtig sind, liegt daran, dass sich die Gastronomie-Szene vor allem im urbanen Raum längst weiterentwickelt hat. Hausmannskost gibt es bei vielen Leuten nur „bei der Oma“. Besonders in den inneren Bezirken Wiens liegen vegetarische und vegane Lokale im Trend. Als Gegentrend dazu gibt es hunderte Steak- und Burgerlokale nach amerikanischem Vorbild. Die Wiener Restaurantszene ist sehr international, wie man beispielsweise am Naschmarkt sieht. Der Institution „Kaffeehaus“ machen kleine Coffeeshops und große Ketten seit Jahren Konkurrenz.

Hier spielt die Musik

Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn machen Österreich für Musikfans zu einem interessanten Reiseziel. Beim Ausgehen hört man aber trotzdem keine Klassik: Österreich hat auch in der Gegenwart spannende Künstler zu bieten. Die Band „Bilderbuch“ kennt man mittlerweile über die österreichischen Grenzen hinaus, der DJ Parov Stelar ist international für seinen Electroswing bekannt.

Die Vergangenheit wird in Österreich – auch für touristische Zwecke – gerne verklärt. Denn Mozart, Sissi und die Lipizzaner locken Besucher aus aller Welt ins Land. Auch wenn dieses Image für den Tourismus gut ist, hat es nicht nur Vorteile. Denn das Land wird nur mäßig als interessanter Wirtschaftsstandort wahrgenommen. Laut dem Standortranking der Lausanner Managementhochschule IMD aus dem Jahr 2016 gilt Österreich als nur mittelmäßiger Wirtschaftsstandort. Es wird Zeit, dass das Image des Landes in der Gegenwart ankommt.

Innovatives Österreich

Namhafte Erfindungen und wichtige Denker kommen aus Österreich. Karl Landsteiner hat beispielsweise die Blutgruppen entdeckt, Sigmund Freud hat die Psychoanalyse revolutioniert. Aber auch heute bringt Österreich Innovationen hervor.
Der Physiker Anton Zeilinger wurde vor allem durch seine Experimente zur Quantenteleportation bekannt. Er zählt zu den renommiertesten Wissenschaftlern Österreichs. Seine Arbeiten zu den Grundlagen der Quantenphysik waren bahnbrechend.

Im Bereich der Start-ups konnten sich vier junge Männer aus Oberösterreich einen Namen machen: Mit Runtastic ist ihnen eine App gelungen, die die Sportwelt im Eiltempo eroberte. Spätestens durch den Verkauf der App an Adidas um
220 Millionen Euro wurde die Lauf-Hilfe einer großen Öffentlichkeit bekannt.

Kollektives Aufatmen

Auch die Politik spielt eine wichtige Rolle dabei, wie Österreich im Ausland wahrgenommen wird. Das Bild ist hier durch den Rechtspopulismus geprägt. Das US-amerikanische „Time“-Magazin bildete im Jahr 2000 Jörg Haider ab und fragte: „Should Europe Fear This Man?“ Vergangenes Jahr waren der damalige Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer und Heinz-Christian Strache, Obmann der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), auf dem Cover zu sehen. Titel: „Die neuen Gesichter der Rechten in Europa“ („The New Faces of the Right“). Österreich war laut dem Magazin dabei, als erstes westeuropäisches Land nach dem Zweiten Weltkrieg einen rechtsextremen Präsidenten zu wählen.
Mit der Wahl von Alexander Van der Bellen zum Bundespräsidenten hat Österreich jedoch sein Image gebrochen.

 

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